Vorstellungen vom ,guten Leben‘

Vorstellungen sind Imaginationen, die weitergegeben und tradiert werden und sich je nach Zeitalter und gesellschaftlichen Zuständen verändern. Die Individuen einer Gesellschaft sind eingebunden in und geprägt durch Diskurse vom ‚guten Leben‘. Diese werden auch durch bestimmte Institutionen wie Kirche oder Medien repräsentiert. Im Alltag werden diese Vorstellungen von Menschen aufgenommen, angeeignet und umgedeutet, sodass sie eigene Forme(l)n für das ‚gute Leben‘ wählen und zusammensetzen. Die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben hängt wesentlich davon ab, wie sehr wir das Gefühl haben, unsere Vorstellungen des ‚guten Lebens‘ verwirklichen zu können. So lassen sich im Alltag vielfältige Bildwelten vom ‚guten Leben‘ ablesen:

Bereits am Frühstückstisch können wir mit dem regionalen Biokäse die Welt verbessern. Verantwortung für die Welt übernehmen ist vor allem in Zeiten des Klimawandels ein zentrales Thema für das ‚gute Leben‘. Die Idee sich zusammenzuschließen und in Gemeinschaft eine bessere Gesellschaft aufzubauen vertreten unter anderen die Autor*innen des „Konvivialistischen Manifests“. Bastelanleitungen, Dekotipps und originelle Rezeptideen aus Lifestylemagazinen helfen uns unser Leben ästhetisch zu gestalten. Das ‚gute Leben‘ scheint auch aus der Suche nach Singularität, dem Wunsch nach Exklusivem und Besonderem zu bestehen, worauf der Soziologe Andreas Reckwitz verweist. Doch unser Leben zeichnet sich auch stets durch des Streben nach Erfolg und Selbstverwirklichung aus – so nennt Ulrich Bröckling den modernen Menschen „Unternehmerisches Selbst“. Sich der Beschleunigung der Gesellschaft zu entziehen fordern beispielsweise Konzepte der Achtsamkeit ein – Entschleunigung verspricht hier Resonanz, eine gelungende Verbindung zur Welt, wie sie auch Hartmut Rosa diskutiert. Dass Vorstellungen vom ‚guten Leben‘  gesellschaftlich konstruierte  Glücksversprechen sind, die dem Machterhalt dienen, findet man bei der Frauenforscherin Sara Ahmed.

In der Empirischen Kulturwissenschaft wollen wir Vorstellungen vom ‚guten Leben‘ nicht bewerten, sondern deren Vielfalt, Kategorien, Beziehungen und Spannungsfelder verdeutlichen. So lassen sich Vorstellungen vom ‚guten Leben‘ auch immer als Handlungsaufforderungen  verstehen. Verantwortung, Ästhetik, Selbstverwirklichung, Achtsamkeit und Erfolg – Welche Beziehung haben diese Vorstellungen zueinander? Wie widersprechen sie sich? Adressieren sie das Individuum, die Gesellschaft, oder beide? Handelt es sich um Ideen vom ‚richtigen‘ oder ‚genussvollen‘ Leben?

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