Intervention in die Dauerausstellung „Baden und Europa“

Die Gegenstände, die in einem Museum zu sehen sind, werden immer im Kontext der Ausstellung und ihrer Präsentation verstanden und interpretiert. Sie repräsentieren sowohl das sich wandelnde Verständnis und die Kenntnisse jener historischen Prozesse, in die ihr Entstehen eingebunden ist. Ebenso zeitgebunden ist jedoch auch die museale Präsentation selbst. Der gesellschaftliche Wandel heute beschleunigt sich und befördert neue kritische Fragestellungen. So müssen auch wir als Badisches Landesmuseum unsere Objekte und ihre Präsentation aus aktuellen Perspektiven und gesellschaftlichen Diskursen heraus betrachten und immer wieder aktualisieren. Nicht alles, was vor 20 Jahren, als die Dauerausstellung Baden und Europa konzipiert wurde, entstanden ist, kann heute unhinterfragt weiterhin so gezeigt und gesagt werden. Das Plakat der Badenia Fahrradwerke beispielsweise wurde ursprünglich als Beleg für die Industrialisierung Badens in die Ausstellung integriert. Die rassistischen Motive, die sich jedoch auch auf diesem Plakat finden, werden vollkommen ausgeblendet und bleiben auch im Objekttext unerwähnt. Das Ziel dieser Intervention ist, auf solche Objekte aufmerksam zu machen. Mit orangefarbenen Rahmen, die einen neuen Blick auf die Objekte bieten und zusätzlichen kritischen Objekttexten wird in das bestehende Ausstellungsdesign interveniert. Exemplarisch werden an sechs Objekten in der Dauerausstellung neue Kontexte und Information zu den Objekten gegeben und die Aspekte Antisemitismus, Rassismus, Ableism, Kolonialismus, Exotismus und Sexismus thematisiert. Dabei geht es nicht darum, dass solche Objekte nicht mehr gezeigt werden sollten. Das Ziel dieser Intervention ist vielmehr, Besucher*innen zum kritischen Nachdenken anzuregen.

Nicolas Dittgen

Antisemitismus

Die Keramikfigur von Anton Sohn trägt den Titel „Der Zollgardist und der Jude“. Sie stellt Menschen jüdischen Glaubens stereotyp und abwertend dar: An einem Grenzposten wird das Reisegepäck zweier Juden von einem uniformierten Zollbeamten durchsucht. Sie sind durch antisemitische Überzeichnung kenntlich gemacht und negativ als Schmuggler und Kriminelle dargestellt. Diese Figur zeigt das in Europa weitverbreitete judenfeindliche Weltbild des 18. Und 19. Jahrhunderts.

Rassismus

Das Werbeplakat arbeitet mit rassistischen Darstellungen: Angehörige einer indigenen Gemeinschaft, die zu dieser Zeit als „Eingeborene“ bezeichnet wurden, verfolgen einen weißen Mann in Uniform mit Tropenhelm. Dabei werden sie als „Primitive“ dargestellt: halb bekleidet, mit Speeren und weit aufgerissenen Augen und Mündern. Der Kolonialist hingegen ist vornehm gekleidet und fährt auf seinem Fahrrad unbeeindruckt mit einer Zigarette in der Hand davon. Solche rassistischen Motive waren im deutschen Kaiserreich sehr beliebt, weil sie Vorstellungen der eigenen Überlegenheit verstärkten.

Ableism

Die Postkarte zeigt das „Krüppelheim Heidelberg“, das die Großherzogin Luise von Baden gründete. Sie wirbt für dessen Unterstützung. Aus heutiger Sicht ist es inakzeptabel, Menschen als „Krüppel“ zu bezeichnen. Der Begriff wird als abwertend und beleidigend verstanden. Wir sprechen heute politisch korrekt von „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“. Die Bezeichnung hat sich zwar geändert, aber die negativen Konnotationen schwingen noch vielfach mit. Der Begriff Ableism kommt aus dem Englischen und bezeichnet die Diskriminierung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Kolonialismus

Die gefangenen Frauen werden für dieses Postkartenmotiv regelrecht vorgeführt. Sie sind kaum bekleidet und tragen Hand- oder Halsfesseln. Das Bild ist in einem kolonialen Kontext entstanden, solche Postkarten waren zu der Zeit um 1900 weit verbreitet. Damals herrschte ein großes Interesse in der deutschen Bevölkerung für die kolonialen Bestrebungen des Kaiserreichs, was sich auch in der Populärkultur und Werbung widerspiegelt. Die deutsche Kolonialpolitik mündete im heutigen Namibia im Völkermord an den Herero und Nama.

Exotismus

Die Salzstangen-Halter der 1950er und 1960er Jahre zeigen die Faszination für das Exotische. Menschen mit asiatisch anmutenden Kegelhüten ziehen das Gebäck mit Rikschas oder tragen es in Körben auf dem Rücken. Die Objekte lassen uns heute erkennen, wie ein Gefühl der westeuropäischen Überlegenheit in den Wohnzimmern reproduziert wurde. Auch einige der Reise-Souvenirs in der Vitrine gegenüber zeigen exotisierende Sichtwiesen auf die Menschen südlicher Länder. Bis heute finden sich solche stereotypen Darstellungen etwa in Urlaubskatalogen.

Sexismus

Populäre Fernsehserien wie die Schwarzwaldklinik, die hier in Form eines Merchandise-Tellers vertreten ist, schreiben häufig tradierte Rollenbilder fort. So zum Beispiel in Folge 61: Dr. Christa Brinkmann wird vorgeworfen, dass ihr Sohn krank sei, weil sie berufstätig ist und sich nicht ausreichend um ihn kümmert. Ihr wird nahegelegt, ihren Job zu kündigen, um nicht weiter das Wohl des Kindes zu gefährden. Nicht nur aus heutiger Sicht wirkt dies sexistisch. Schon bei der Erstausstrahlung 1989 kam es zu heftiger Kritik, u.a. von der damaligen Familienministerin Ursula Lehr.

Mehr Infos zur Ausstellung hier.

Menü