„Ereignisse, die etablierte Ordnungen ins Wanken bringen, verweisen auf die
zentrale Rolle von Legitimität für deren Aufrechterhaltung.“ 1

Barbara Sieferle:

Gefängnismeuterei oder Sitzstreik?

Legitimationskonflikte um die Freiburger Gefängnisproteste von 1985

Am Nachmittag des 14. Oktobers 1985 kam es in der Justizvollzugsanstalt Freiburg (BRD) zu einem Vorfall, der das alltägliche Anstaltsleben durcheinanderbrachte: Circa 60 inhaftierte Männer weigerten sich nach Ende des Hofgangs in ihre Zellen zurückzukehren. Sie verlangten die Abschaffung der sogenannten geschlossenen Abteilung. Sie schlossen sich damit den Forderungen von fünf in dieser Abteilung untergebrachten Männern an, die zur Verbesserung ihrer Haftbedingungen in den Hungerstreik getreten waren.

Auf diese Ereignisse im Freiburger Gefängnis 1985 war ich zufällig gestoßen und zwar im Freiburger Archiv für Soziale Bewegungen. Dort kam mir ein Ordner in die Hände, der mit „JVA Freiburg: Vorfälle ‚geschlossene Abteilung‘ Herbst 1985“ beschriftet war. Und ich begann zu lesen: Presseartikel, Flugblätter, Erklärungen von damals inhaftierten Männern, Stellungnahmen der Freien Straffälligenhilfe, des Justizministeriums und der Politik.

Die Unterlagen zeichneten kein homogenes Bild der Freiburger Gefängnisproteste. Vielmehr standen sich zwei Deutungen dieser Proteste gegenüber: Vertreter*innen der Strafanstalt und des baden-württembergischen Justizministeriums fassten die Proteste als rechtswidrige Gefängnismeuterei. Die protestierenden inhaftierten Männer und deren Befürworter*innen aus Politik und Freier Straffälligenhilfe wiederum betrachteten die Proteste als demokratischen, gewaltfreien Sitzstreik.

Der sich in den Archivunterlagen findende Konflikte um die richtige Deutung der Freiburger Gefängnisproteste führte dazu, dass ich mich in meinem Forschungsprojekt genauer mit den Rechtfertigungslogiken und Begründungsmustern des Strafvollzugs beschäftigte. Denn – so zeigen die Freiburger Gefängnisproteste des Jahres 1985 – Strafe bedarf der Legitimation. Ihre Formen, Vollzugsweisen und institutionellen Ordnungen sind soziokulturell gemacht und befinden sich permanent in Aushandlung – auch wenn uns das im Alltag nicht immer so erscheint.

1 Sieferle, Barbara: Gefängnismeuterei oder Sitzstreik? Legitimationskonflikte um die Freiburger Gefängnisproteste 1985. In: Sieferle, Barbara (Hg.): Strafen. Kulturanthropologische Perspektiven (= Freiburger Studien zur Kulturanthropologie, 5). Münster 2021, S.156-165, S.164.

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