„Strafen sind nicht nur Bestandteil sozialer Lebenswelten, sondern auch zentrales Motiv in Märchenerzählungen.“ 1

Julia Wagner:

(Be-)Strafen im Märchen

Strafe als Motiv in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

Was haben Aschenputtel, Schneewittchen oder die Gänsemagd gemeinsam? 

Sie sind in erster Linie Erzählungen aus Grimms Kinder- und Hausmärchen (KHM) und haben ein Happy End, dem die Bestrafung eine*r Antagonist*in vorangegangen ist. Als erzählerisches Motiv ist Strafe im Märchen zentral bedeutend für die Handlung und dominant vertreten. Bei meiner Untersuchung der Rolle von Strafe in Märchen anhand verschiedener analytischer Kategorien wie strafende und bestrafte Akteur*in, Strafe, Norm und Funktion, wurde dies besonders deutlich.

Strafen sind im Märchen überall präsent. Häufig am Ende der Erzählung zur Wiederherstellung der Ordnung in der Märchenwelt, wie es bei den zu Beginn genannten Märchen der Fall ist. Aber auch als Ausgangssituation zu Beginn einer Erzählung: Beispielsweise findet sich in einem Märchen ein Schneider, der seine drei Söhne zur Strafe fortjagt, da sie sich nicht gut um die Ziege gekümmert hätten (KHM 36: Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack). Missgünstige Stiefschwestern, eine eifersüchtige Stiefmutter, eine falsche Braut oder sogar eine listige Ziege werden für ihre Taten bestraft. Erst dann können die Hauptfiguren ihr Märchenglück genießen. Doch was macht Strafen im Märchen so bedeutsam? Ist jedes beschriebene Übel auch gleich Strafe?

Anders als die ausgedachten Inhalte der Erzählungen sind die zur Anwendung kommenden Strafpraktiken Übernahmen aus der historischen Strafpraxis der sozialen Wirklichkeit. Tod am Galgen, Prügelstrafen oder Verbrennungen sind nur einige Beispiele, die aufzeigen, dass Strafen im Märchen einen Bezug zur sozialen Realität haben, in der sie erzählt, gelesen oder gehört werden. Diese Forschung zeigt auf, dass Normen und Moral, genauso auch soziale Herkunft und Geschlecht viel über die Strukturen in der Märchenwelt und der Welt, aus der sie übernommen wurden, verraten.

Abbildung: „Tischlein deck dich“ von Alexander Zick
[Wikimedia Commons]

1 Wagner, Julia: (Be-)Strafen im Märchen. Strafe als Motiv in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. In: Sieferle, Barbara (Hg.): Strafen. Kulturanthropologische Perspektiven (= Freiburger Studien zur Kulturanthropologie, 5). Münster 2021, S.106-117, S.116.

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